Mittwoch, 26. Juli 2017

aus seiner sicht

du ziehst die schatten breit
mit deinen armen und jedes wort,
das du auf sie gegeben hast,
krümmt sich im licht,
das sich in deiner stimme dehnt.

du weisst, der tod verlangt nicht,
dass du schweigst. am wegrand
sammelt sich der staub
gegebener versprechen,
der an den lippen leise wird.

für einen langen augenblick
ist alles still und jedes bild
ist weiss in seinem schatten,
der dich zusammenhält
aus seiner sicht

Andreas Altmann

Donnerstag, 20. Juli 2017


leer und keck

Dieses Gedicht könnte auch heissen: letzte Worte. Mit jedem Gedicht, mit diesem aber nun endgültig, habe ich die Worte abgeschüttelt. Wie beim Spatzen: erst das wilde Staubbad, dann alles abschütteln, dass die Funken fliegen. Befreit vom Reflektieren übers Dasein, schaue ich ihm wieder leer und keck entgegen. Berauscht von Unbedarftheit; ich weiss nichts; der Äther darf mich küssen; das Leben beginnt. Ich lerne wieder zu sprechen, aber ganz langsam. Und dann das Ganze wieder von vorne.

Angela Krauss
(über ihr Gedicht Wann, wenn nicht jetzt")

Mittwoch, 5. Juli 2017


abendlied

Schlafe, ich liebe dich sehr.
Wärn meine ängste um dich
um dich errichtet als wall,
hätte ich keinerlei angst.

Wärn meine ängste um dich
um dich so fest wie ein wall,
wärst du in sicherer hut.

Aber die liebe, die liebe
würde sterben im hof.

Hätte ich keinerlei not,
wär ich am end.

Andreas Reimann


Donnerstag, 29. Juni 2017

nachmittag

Diesmal kam es am Nachmittag
und nicht wie sonst immer
in der Nacht.
Es kam wieder, doch ich fand
auch am Tag keinen Namen dafür.
Diesmal schien es gelb.
Ich sass in der Küche,
ein abgebrochenes Zündholz
zwischen den Fingern.

Rainer Brambach

Mittwoch, 28. Juni 2017

Donnerstag, 8. Juni 2017

unter dem wacholder

unter dem wacholder liege ich und träume dir zu,
ich erinnere mich. wir berühren uns nicht. keine 
scham. kein nervenflattern reicht an mich heran.

keine gewaltigen stürme, die sonst immer nahen
nahen. trockne ich die netzhaut ab, mein ganzes
leben lang? vielleicht singe ich auch oder falte

die Hände über dem bauch und warte. etwas betet
in mir. wer in die wüste geht zum sterben, der kann
sterben oder unter dem wacholder noch den rest  vom

leben erben: in der bibel käme jetzt ein engel zu elia
aber hier? rette, was es noch zu retten gibt. ich träume
von sternen, träume von dir, wie von einer wasserquelle.

Nadja Küchenmeister

Mittwoch, 10. Mai 2017

wolken wald leben

Gesprächs-Leben

und ich?
das wird verschlungen
von scharen von ebenbildern –

von einem bild ähnlich der welt –

so wie wolken wald
vom ruhelosen "ich" der sterne

Gennadij Ajgi

Dienstag, 2. Mai 2017


farbe fenster

Es hat Farbe, es ist nicht leer,
es hat Farbe, mein Haus,
die Farbe der Leidenschaften
und des grossen Unglücks.

Mein Haus kommt zurück aus dem Weinen,
in das sie es verbannten.
mit seinem verlassenen Tisch,
mit seinem verfallenden Bett.

Die Münder werden wieder
auf den Kissen blühn,
und um die Leiber wird
zur Nacht das Leintuch seine
starke Schlingpflanze duftend
wieder wachsen lassen.

Der Hass wird abgehalten, wenn
wieder Fenster da sind.

Die Kralle lockert sich.

Lasst mir diese Hoffnung.

Miguel Hernandez


alice phoebe lou

grey

weiter freier

Blitz und Donner
begleiten es nicht.
Es ist einfach da,
von einer Sekunde
zur andern.
Nüchternes Bewusstsein
des Scheiterns.
So beiläufig
überzeugt es.
Das Licht geht nicht aus.
Wir sind nicht im Theater.
Jetzt weitermachen.
Mach weiter –: freier.

Rainer Malkowski